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Schweizer Blasmusik-Dirigentenverband

Eidgenössisches Musikfest

Vom Wettbewerbsvirus infiziert

21. August 2025
von Theo Martin
Wie beurteilt eine erfolgreiche Dirigentin das Eidgenössische Musikfest? Isabelle Ruf-Weber ist die Doyenne unter den Schweizer Dirigenten. Ein Gespräch über Wettbewerbe, Juroren und wünschbare Gelassenheit.

Interview: Theo Martin. Ressort Kommunikation, OK EMF 2026 in Biel/Bienne

 

Was bedeutet das Eidgenössische Musikfest für Sie persönlich?

Isabelle Ruf-Weber: Das Eidgenössische Musikfest ist für mich ein weiterer Anlass zum friedlichen Wettstreit mit anderen Orchestern zur Standortbestimmung für die teilnehmenden Vereine und Dirigenten. Es bietet aber auch die wunderbare Möglichkeit zum geselligen Zusammensein und zu inspirierenden Begegnungen. Früher dachte ich, dass echtes Musizieren in der Gemeinschaft sich nicht mit dem Wettbewerbsgedanken vereinen lässt. Der Ehrgeiz allein, den Notentext eines Werkes möglichst adäquat umzusetzen, sollte Freude und Begeisterung im Orchester erzeugen und die musikalische Qualität steigern. Wettbewerbe aber hinterlassen wenige Gewinner nebst vielen Enttäuschten.

Ist das noch immer so?

Mit der Leitung des Blasorchesters Neuenkirch hat bei mir ein Umdenken eingesetzt. Ich begegnete da einer sehr motivierten Truppe, offen für Neues und bereit, sich durch die vertiefte Auseinandersetzung mit zwei Werken intensiv auf einen Wettbewerb vorzubereiten. Ohne grossen Druck, übertriebenem Probenaufwand und Aufstockung von Registern entstand eine ungeheure Dynamik im Verein. Erste Erfolge stellten sich ein, das Orchester und jeder einzelne Musiker gewannen an Qualität und Sicherheit. Diese positive Erfahrung, erreicht ohne übertriebenen Ehrgeiz und verbissenem Siegesstreben, infizierte mich mit dem Wettbewerbsvirus und hat so meine kritische Einstellung gegenüber Musikwettbewerben verändert. Im Wissen natürlich, dass erfolgreiche Orchesterarbeit auch ohne Wettbewerbsteilnahme möglich ist. 

Das Eidgenössische Musikfest bietet allen motivierten Vereinen die Möglichkeit, in der Vorbereitung solch wertvolle Impulse zu sammeln. Über die blosse Rangierung am Wettbewerb hinaus, lässt sich so die musikalische Qualität steigern und der Zusammenhalt im Orchester fördern. 

Welche persönlichen Erinnerungen haben sie an frühere Eidgenössische Musikfeste?

Als Dirigentin erinnere ich mich gerne an die beiden Festsiege in der 1. Klasse und dem viel beachteten Auftritt in der Höchstklasse in St. Gallen mit dem Blasorchester Neuenkirch. Eine wunderbare Entschädigung für den geleisteten Aufwand und die Bestätigung den richtigen Weg eingeschlagenen zu haben. Diese Erfolge setzten zusätzlich Kräfte frei für innovative Projekte ausserhalb der Wettbewerbszeit. Als Jurorin denke ich gerne an die Zeit zurück, wo ich als Greenhorn zusammen mit bestandenen Kollegen erste Erfahrungen sammeln konnte.

Worauf freuen Sie sich in Biel besonders? 

Ich schätze es wieder einmal so viele Orchester zu hören. Diesmal bin ich nicht als Dirigentin aktiv und kann mich als Jurorin voll auf die Wettbewerbsvorträge fokussieren. Stärkeklasse und Besetzungstyp spielen dabei keine Rolle. Gerne schreibe ich dann auch aufbauende Berichte, die über die reine Bewertung des Ist-Zustandes hinaus Verbesserungsvorschläge und Tipps an Dirigenten, Register und Solisten enthalten. Ich freue mich auch, viele bekannte Leute zu treffen, mit denen ich sonst kaum Kontakt habe. Auf den befruchtenden Gedankenaustausch mit anderen Juroren bin ich ebenfalls gespannt. Musik verbindet!

Was ist die Herausforderung als Jurorin?

An einem Eidgenössischen Musikfest nehmen sehr viele Vereine teil – 550 sind es diesmal in Biel. Um die damit verbundene lange Präsenzzeit als Jurorin zu verkraften, ist es mir sehr wichtig, psychisch und physisch fit und frisch zu bleiben. Die Organisatoren schaffen mit einem idealen Zeitplan und auch mit reichhaltiger Verpflegung und Getränken beste Voraussetzungen dazu. Besonderen Wert lege ich auch auf hilfreiche Notizen während und unmittelbar nach den zu bewertenden Vorträgen, damit ich am Abend noch nachvollziehen kann, wie bspw. die Band am frühen Morgen gespielt hat. 

Wie hat sich die Qualität der teilnehmenden Orchester verändert?

Nach meiner Erfahrung als langjährige Jurorin hat sich die Qualität aller Stufen verbessert, wenn auch nicht in jeder Region der Schweiz genau gleich. Zu verdanken ist diese erfreuliche Entwicklung der fundierten Förderung des Nachwuchses an den Musikschulen und einer  guten Aus- und Weiterbildung der Dirigenten. Es gilt, diese Voraussetzungen weiter zu pflegen und die Jugend immer wieder für unser wunderbares Hobby zu begeistern, auch wenn das Angebot an Freizeitbeschäftigungen stetig wächst. Die teilweise rückgängige Zahl der Bläserjugend an Musikschulen sollte uns dazu aufrütteln. Ich versuche, mit der Leitung von Jugendorchestern und der Durchführung von Workshops für Unter- und Mittelstufendirigenten meinen Beitrag zu leisten. Auch die Vereine sind gefordert, mit innovativen Projekten die musikalische Zukunft mitzugestalten. 

Wo sehen Sie die Zukunft solcher Festivals?

Wichtig ist, dass es sie weiter gibt – für alle Klassen und Besetzungstypen. Die diversen Wettbewerbsangebote sind in der Schweiz vorbildlich. Die Vereine sollten dieses vielseitige Angebot nutzen und mit einer intensiven Wettbewerbsvorbereitung die musikalische Entwicklung und den Zusammenhalt zu fördern. Die Dirigenten sind dabei der Motor und die Motivatoren in diesem Prozess.

Haben sie eine persönliche Botschaft an Publikum und Musizierende? 

Bei aller Ernsthaftigkeit eines Wettbewerbs sollte die Freude am Musizieren und Zusammensein mit Gleichgesinnten nicht verloren gehen. Eine gewisse Gelassenheit anstelle eines verbissenen Strebens nach dem Sieg ist hilfreich bei den musikalischen Vorträgen, aber auch bei der Einordnung der Rangierung. Resultate sind von diversen Faktoren abhängige Momentaufnahmen und sollten daher nicht überbewertet werden. Sie sind aber als das Produkt eines wertvollen Entwicklungsprozesses einzuordnen und geben Hinweise für das zukünftige Schaffen im Verein. Dem Publikum und den Musizierenden empfehle ich als Inspirationsquelle Vorträge anderer Vereine unterschiedlicher Stärkeklassen und Besetzungstypen anzuhören. Es öffnet den Blick über den eigenen musikalischen Umkreis hinaus für Neues.    

Bilder: zvg/Susanne Goldschmid 

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