Studie
Algorithmen entscheiden, was wir hören
Medienmitteilung des Schweizer Musikrats
Wer heute Musik entdeckt, tut dies meist über Streaming-Plattformen. Doch was dort sichtbar wird, ist längst nicht nur eine Frage von Qualität oder Vielfalt. Eine neue europäische Studie zeigt: Algorithmen, Playlists und Sprachräume bestimmen zunehmend, welche Musik gehört wird – und welche unsichtbar bleibt.
Für die Schweiz ist diese Entwicklung besonders relevant. Als kleines Land mit vier Sprachregionen verfügt sie über eine aussergewöhnlich vielfältige Musiklandschaft. Gleichzeitig erschweren genau diese Sprachgrenzen die digitale Sichtbarkeit des Schweizer Musikschaffens.
Die Studie kommt zu einem klaren Schluss: Nicht das Angebot entscheidet, sondern die Auffindbarkeit. In einer Zeit, in der immer mehr Musik produziert wird und Künstliche Intelligenz die Menge zusätzlich erhöht, wird die Frage zentral: Wer wird überhaupt noch gehört?
Die Dynamiken, die auf europäischer Ebene sichtbar werden, betreffen die Schweiz in besonderer Weise. Denn die Mechanismen, die darüber entscheiden, welche Musik gehört wird, wirken auch hier, treffen jedoch auf einen Markt, der durch mehrere Sprachräume zusätzlich fragmentiert ist.
Algorithmen entscheiden, was gehört wird
Streaming-Plattformen sind heute der wichtigste Zugang zu Musik. Welche Songs dort sichtbar sind, hängt stark von algorithmischen Empfehlungen und kuratierten Playlists ab.
Diese Systeme orientieren sich primär an bestehenden Hörgewohnheiten und globalen Trends. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Marktstruktur: Ein grosser Teil der kuratierten Inhalte wird in internationalen Konzernzentralen der Streaminganbieter gesteuert, oft ohne vertiefte Kenntnisse lokaler Szenen oder kultureller Kontexte.
Das führt dazu, dass sich Aufmerksamkeit auf bereits erfolgreiche Inhalte konzentriert, während neue, lokale oder sprachlich weniger verbreitete Musik es deutlich schwerer hat, ein Publikum zu erreichen.
Sprachräume als unsichtbare Grenzen
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung bestätigt: Sprache wirkt im digitalen Raum wie ein struktureller Filter. Nutzerinnen und Nutzer bewegen sich überwiegend innerhalb ihrer Sprachräume, sogenannte «language silos».
Das hat direkte Auswirkungen auf die Sichtbarkeit: Inhalte in kleineren Sprachen werden deutlich seltener empfohlen und verbreitet als solche in global dominierenden Sprachen.
Englischsprachige Songs aus der Schweiz werden von den Plattformen nicht als «Schweizer Musik», sondern als Teil des globalen englischsprachigen Angebots behandelt. Sie konkurrieren deshalb direkt mit Millionen internationaler Veröffentlichungen – was ihre Sichtbarkeit zusätzlich erschwert.
Für die Schweiz ist diese Dynamik besonders relevant. Mit vier Landessprachen trifft hier ein kleiner Markt auf mehrere kulturelle Räume. Was sich in Europa im Grossen zeigt, verdichtet sich in der Schweiz im Kleinen: Vielfalt ist vorhanden – aber sie verteilt sich auf voneinander getrennte Wahrnehmungsräume.
Mehr Angebot bedeutet nicht mehr Präsenz
Die Zahl verfügbarer Songs wächst rasant. Gleichzeitig bleibt ein grosser Teil davon praktisch unsichtbar. Die Untersuchung beweist: Online sein allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob Musik überhaupt gefunden wird.
Hinzu kommt eine Entwicklung, die diese Dynamik weiter verschärft: Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz steigt die Menge an produzierter Musik nochmals stark an. Die Folge ist eine zusätzliche Verdichtung der Konkurrenz um Aufmerksamkeit.
Damit verschiebt sich die zentrale Frage: Nicht mehr «Wird genug produziert?», sondern «Wer wird gehört?»
Sichtbarkeit als kulturpolitischen Frage
Die Ergebnisse unterstreichen, dass kulturelle Vielfalt im digitalen Umfeld nicht automatisch entsteht. Neben Plattformen spielen weiterhin kuratierte Formate, Medien und gezielte Förderung eine wichtige Rolle, um unterschiedliche Stimmen sichtbar zu machen.
IndieSuisse, SONART und der Dachverband Schweizer Musikrat setzen sich deshalb im Austausch mit Plattformen, Medien und Politik verstärkt mit der Frage auseinander, wie Sichtbarkeit im digitalen Raum gestärkt werden kann.
Auch das Publikum prägt, was sichtbar wird
Allerdings entscheiden nicht nur Algorithmen über Sichtbarkeit, sondern auch das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer. Ein grosser Teil der Nutzung erfolgt über vorgegebene Empfehlungen, Trends oder automatisierte Playlists. Aktive Suche nach neuer oder unbekannter Musik findet vergleichsweise selten statt.
Wer bewusst auswählt und sein Musikgenuss nicht nur den Algorithmen überlässt, beeinflusst unmittelbar, welche Inhalte sichtbar werden und sich verbreiten.
Möglichkeiten, Schweizer Vielfalt hörbar zu machen:
• Gezielt nach Schweizer Musik suchen – statt sich nur auf automatische Empfehlungen zu verlassen • Eigene Playlists erstellen und teilen
• Kuratierte Angebote nutzen, etwa Playlists von Labels oder Medien (z. B. «IndieSuisseMonday #fresh»)
• Musik bewusst weiterempfehlen
Ein Thema mit wachsender Relevanz
Die Frage der Auffindbarkeit kultureller Inhalte entwickelt sich zunehmend zu einer zentralen Herausforderung für Kultur, Medien und Politik. Mit der fortschreitenden Digitalisierung verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Produktion hin zur Distribution – und damit zur Frage, wer überhaupt sichtbar wird.
Gleichzeitig verstärken technologische Entwicklungen wie algorithmische Empfehlungssysteme und generative Künstliche Intelligenz bestehende Dynamiken. Ohne gezielte Gegensteuerung droht die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen im digitalen Raum zunehmend unterzugehen.
Was die europäische Untersuchung zeigt, ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme: Die Sichtbarkeit von Musik wird zur zentralen Voraussetzung dafür, dass kulturelle Vielfalt auch tatsächlich stattfinden kann.
Die unterzeichnenden Verbände fordern von Politik und Verwaltung geeignete Rahmenbedingungen und zeitgemässe regulatorische Antworten, um dieser wirtschafts- und kulturpolitischen Fehlentwicklung wirksam entgegenzutreten.