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Gefragte Musiker – kurz befragt
Das Interview wurde von René Messmer geführt, damals BDV-Vizepräsident (Adaption: Ernst May)
8. September 1984: Ich habe das Bild noch gut in Erinnerung, wie Sie von der Kanzel der randvollen Weinfelder Kirche einen Vortrag über sakrale Musik gehalten haben. Wieso sind Sie nicht Pastor geworden?
lch wollte schon immer Musiker und Komponist werden.
10 Jahre spater: Die Wettstückliste des EMV ist überarbeitet warden. «Bergruf», «Der Damon» sowie «Pilatus» sind von der Hochstklasse in die erste Klasse zurückgestuft warden. Was meinen Sie dazu?
Diese Ruckstufungen sind fur mich unverständlich. Sicher werden sie sich fur die Interpretation der betreffenden Kompositionen nachteilig auswirken.
Am 17. Februar durften Sie bereits den 77. Geburtstag feiern. 1996 werden die Neuklassierungen «lnvocatio», «lntrada sinfonica» und «Intermezzo» von Ihnen in der Wettstiickliste erscheinen. Arbeiten Sie demnach so fruchtbar weiter?
lch bin fast immer mil der Ausarbeitung einer Komposition beschäftigt, heute aber eher mit Werken fur Orchester oder fur Chor und Orchester.
Mochten Sie mit lhrer Musik ein klein wenig die Welt verändern?
Kann man das uberhaupt?
Am 10. Dezember 1994 ist Ihr Kollege Robert Blum als beinahe 95-jähriger Komponist verstorben. Seine Maxime lautete: «Musik ist dann originell und richtig, wenn sie lnhalt hat und eine Idee verfolgt». Diese Maxime scheint mir ebenso beispielhaft für lhre Musik, für Ihr Werk. Was meinen Sie dazu?
Das konnte in etwa auch meine Maxime sein.
Was halten Sie von «Klangfarbenkomponisten» wie beispielsweise Gyorgy Ligeti, einem der bedeutenden Verlreter der Neuen Musik?
Jedem das Seine. Meine Sache ist das nicht.
lhre erweiterte Tonalität verwendet klar durchhörbare bitonale Schichtungen und Mixturenakkorde. Welches ist lhre «Lieblingsmixtur» in der Geistlichen Musik?
In meiner «Geistlichen Musik» gibt es keine «Lieblingsmixtur».
In der profanen Musik?
Dasselbe gilt auch fur meine «Profane Musik».
Und als Drink?
Fur mich kein Thema.
Wer brach in den Ruf aus: «C'est la place la plus belle de la Suisse!» und wann war das?
General Guisan im Spatsommer 1953 anlasslich eines Besuches in St. Gallen, als er auf dem Klosterplatz stand und mein «Lied vom Kreuz» verklungen war.
Sie wohnen an der Goethestrasse. Gibt es in St. Gallen auch eine Paul-Huber-Strasse?
Nein. Aber eine Paul-Huber-Gesellschaft, die sich fur die Aufführungen meiner Kompositionen einsetzt.
Bach war Musikbeauftragter in Leipzig, Telemann in Hamburg, Sie in St. Gallen. Was sagen oder bedeuten Ihnen die Heiligen St. Otmar, St. Georg, St. Leonard, St. Josefen und St. Gallus?
Diese Ortsbezeichnungen beweisen, dass unsere Vorfahren noch eine enge Beziehung zu Heiligen hatten und diese hoch verehrten.
Mönch Notker?
Notker Balbulus (der Stammler) war der grosse Sequenzen-Dichter zur Zeit der Hochblüte des Klosters St. Gallen vor der Jahrtausendwende. Aus Verehrung habe ich ihm meine erste gedruckte Messe gewidmet: die «Kleine Messe zu Ehren des HI. Notker des Stammlers» (1944).
Und der «Gute Geist» Hedwig an lhrer Seite?
Mehr als nur der «Gute Geist»: die ideale Gattin und die unentbehrliche Partnerin seit 44 Jahren.
Welche Beziehung haben Sie zur None?
Sie ist fur eine besonders ausdrucksstarke Wendung in einer Melodie sehr geeignet, muss aber sparsam verwendet werden.
Ihr Namensvetter Paul Huber aus Basel hat die Musik und den Musikmarkt in der Schweiz untersucht und in Zahlen ausgedrückt. Er schätzt die Anzahl Chöre auf 2'500, die Blasmusiken auf 2'350 und die Jodelklubs auf 800. Haben Sie für letztere auch komponiert?
Nein.
Wieso nicht?
lch vertone mit Vorliebe literarische Texte, die sehr sorgfältig ausgewahlt werden.
Wieviele Titel zahlt Ihr Oeuvre?
Ungefähr 450 – ohne die Jugendwerke, die ich vor meinem Musikstudium als Gymnasiast geschrieben habe.
Welches eigene musikalische Werk lobt den Meister am meisten?
Nach meiner personlichen Einschatzung ist es das weiträumig angelegte «REQUIEM fur Soli, Chor, Orgel und Orchester». Es ist am 12. Juni 1995 in der Berliner Philharmonie vom berühmten Chor der St. Hedwigs-Kathedrale mit erstklassigen Solisten und dem Sinfonie-Orchester St. Gallen unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Dr. Alois Koch aufgefuhrt woraen.
Haben Sie persönlich dieser Aufführung beigewohnt?
Erwartungsvoll bin ich nach Berlin gereist und habe mit grosser Freude Eindrückliches miterlebt.
lhre Frau unterstützt Sie bekanntlich tatkräftig. Ich nehme an, dass Hedwig Sie begleitet und u.a. den berühmten Chor der St. Hedwigs-Kathedrale auch miterlebt hat.
Dem Namen Hedwig bin ich ganz besonders verbunden. Meine stete Begleiterin hat die grandiose Auffuhrung in Berlin natürlich auch mitverfolgt. Mehr noch: gegen hundert St. Galler, darunter zahlreiche Mitglieder der Paul-Huber-Gesellschaft, sind in die Philharmonie der deutschen Hauptstadt mitgereist.
Wieviele Verlage haben insgesamt lhre Werke verlegt?
18 schweizerische und 8 ausländische Verlage.
Wurden Sie als Kompanist schon derart gefeiert, dass man Sie auf den Schultern durch das beifallspendende und dankende Publikum trug?
Nur einmal: nach der letzten Aufführung meines Festspiels «Frau Musika» am Eidg. Musikfest 1948 in St. Gallen.
In wievielen Ländern werden lhre Werke weltweit konzertant aufgeführt?
In den meisten europaischen Landern, in Nord- und Sudamerika, in Japan und Australien.
Sie gelten als schlichter Meister, voller Bescheidenheit mit demütiger Haltung. Woher schöpfen Sie diese persönliche Kraft?
Aus der Erkenntnis, dass man angesichts der grossen Meister (z. B. Bach, Mozart, Beethoven, Bruckner etc.) nur ein Anfänger ist.
Stichwort Ruhe»?
Unerlässlich, um schöpferisch arbeiten zu konnen.
Welche Kritik verletzt Sie am meisten?
Die inkompetente und die unsachliche Kritik!
Sie durften grosse Auszeichnungen gleich im Dutzend erfahren! Welche Ehrung bedeutet Ihnen persönlich am meisten?
Am meisten bedeutet mir das Ehrendoktorat der Universitat Fribourg aus dem Jahre 1979. Mein Kommentar dazu: O VANITAS VANITATUM! (O Nichtigkeit der Nichtigkeiten! resp. Alles ist eitel)
Alles Pop-Revolution, oder was? Deren Stars «zelebrieren» heute vor Zehntausenden von Zuhörern ihre «Werke». Haben Sie bei der Aufführung lhrer eigenen Kompositionen ebenfalls schon eine ähnlich grosse Kulisse erlebt?
An der 150-Jahr-Feier des Kantons St. Gallen, als das «St. Galler Bundesspiel» aufgeführt wurde, durfte die einzigartige Kulisse im Klosterhof 30'000 Zuschauer umfasst haben.
Zum Schluss eine wirklich fixe Idee, ein «frommer» Wunsch: Bringen Sie doch bitte exklusiv für MAESTRO und das 1500. Mitglied im 50. Verbandsjahr der Dirigenten des EMV Ihre kleinste Komposition, Ihre musikalische Gratulation in Kürzestform zu Papier!
Ich möchte Sie nicht enttäuschen. So sei's halt: Zu Ihrem «spassigen» Text gehört eine entsprechende Melodie. Hier ist sie in Form eines dreistimmigen Kanons, den ich dem Dirigenten-Verband zum 50-Jahr-Jubiläum widme. «Singe, wem Gesang gegeben!»
Prof. Dr. h. c. Paul Huber, wir danken Ihnen für den Gratulations-Kanon sowie Ihre offenen und spontanen Antworten ganz herzlich und wünschen Ihnen alles Gute.
Der erwähnte Gratulatonskanon
Das Interview im Original: